Herausforderungen meines Lebens
Am 26. Januar 2026Zweite Bibelarbeit zur Pfarrfrauentagung Bad Herrenalb 17.1.2026 von Christiane Vogel,, Dekanin i.R.
Einsamkeit, Teil 2
Eine Einsamkeitsgeschichte aus dem Neuen Testament:
In Johannes 5, 1-9 wird uns berichtet:
Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich,
der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Sabbat an diesem Tag.
Ihr Lieben, „Ich habe keinen Menschen“.
Mit diesem Satz steht die alte biblische Geschichte mitten in der Gegenwart.
Dieser kleine Satz überbrückt über alle Zeiten und Umstände hinweg 2000 Jahre.
„Ich habe keinen Menschen“. So sagte dieser Mann, von dem wir hören, dass er 38 Jahre lang krank lag, verbannt in eine trostlose Einsamkeit.
„Einsamkeit ist nach der Einschätzung des Ulmer Psychiaters Manfred Spitzer tödlich. „Einsamkeit ist der Killer Nummer eins“, sagte der Wissenschaftler auf dem 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Das ungewollte Alleinsein führe zu Stress, der anfälliger für andere Krankheiten mache und daher schneller zum Tod führe. Damit sei Einsamkeit schädlicher für die Gesundheit als Rauchen, Übergewicht oder Alkoholkonsum.
Zugleich verwies der Hirnforscher darauf, dass Einsamkeit im Schmerzzentrum gefühlt werde.
„Einsamkeit tut weh“, erklärte Spitzer.
Lindernd wirke etwa, ein Foto eines geliebten Menschen zu sehen – nicht nur bei Einsamkeit, sondern auch bei körperlichen Schmerzen. Umgekehrt könnten auch Schmerzmittel kurzfristig das Leid der Einsamkeit bessern. Er rate aber von der Therapie mit Schmerzmitteln gegen Einsamkeit ab, auch wegen der Nebenwirkungen.
„Soziale Kontakte sind genauso wichtig wie Schmerzfreiheit“, unterstrich der Mediziner.
In Großbritannien versuchten Ärzte, Einsamen statt Medikamenten gemeinschaftsfördernde Aktivitäten wie Kochkurse oder den Besuch einer Bar zu verschreiben. Jungen Menschen empfiehlt der Psychiater, ein Instrument oder eine Sportart zu erlernen,
sich künstlerisch zu betätigen oder Theater zu spielen, um später immer wieder neu Anschluss an eine Gruppe zu finden.
„Damit können Sie Kinder impfen gegen Einsamkeit„, betonte Spitzer. Förderlich für die Gesundheit sei auch, den Kontakt zur Natur zu suchen und eher im ländlichen Raum zu leben, da die Einsamkeit in den Städten stärker ausgeprägt sei.
epd (1721/20.06.2019)
Ich glaube, manch einer ist unter uns, der dazu bestätigend nicken kann.
So lag dieser Mann am Teich Betesda. Von drüben, vom Tempelplatz klang Musik herüber. Da wurde gefeiert.
Manche Feste gibt es bei uns auch.
Sportfeste, Heimatfeste, Musikfeste, Gemeindefeste und auch persönlich: Geburtstagsfeste und anderes.
Aber auch in vielen Menschen, die da fröhlich feiern, steckt der stumme Schrei: Ich habe keinen Menschen!
Und auch das erlebt der Kranke: Andere sind immer schneller als er.
Wenn sich das Wasser bewegt, wenn sich etwas ändern könnte:
Er ist zu spät dran. Das Glück haben die anderen. Die, die nicht zu gelähmt sind, um schnell zu sein.
Ja, sogar bei Günther Jauch und „Wer wird Millionär?“ müssen Sie erstmal der Schnellste sein, um es als Kandidat auf den Ratestuhl zu schaffen.
Warum erzähle ich Ihnen das alles?
Weil es mich so berührt, dass Jesus ausgerechnet diesen Mann wahrnimmt, ihn sieht, ihn anspricht.
Und ihm hilft.
„Gott liebt auch die Langsamen“. Das las ich neulich auf einem Aufkleber auf dem Heck eines Kleinwagens, der wirklich ganz fürchterlich langsam fuhr.
Jesus wendet sich hier dem zu, der immer zu spät kam. Dem, der keine Chance und keinen Menschen hatte.
Das kann auch für die Schnellen unter uns ein Trost sein. Denn auch ihnen ist gesagt: Da, ganz innen drin, wo du dich manchmal so einsam fühlst und nichts vorzubringen hast:
Gott nimmt dich wahr. Er übersieht dich nicht.
Aber nun geht die Geschichte interessant weiter.
Jesus macht diesen Gelähmten nicht einfach gesund. Er fragt ihn vielmehr: Willst du gesund werden?
Eigentlich könnte man denken: Was für eine dumme Frage: Was sollte dieser Mensch sich denn sonst wünschen, wenn nicht das?
Aber vermutlich ist die Frage gar nicht so abwegig.
Denn wenn jemand in einer bedauernswerten Situation ist, kann es gut sein, er hat sich darin ganz gut eingerichtet.
Viele Therapeuten kennen das: Dass ein Patient aus seinen Problemen gar nicht wirklich heraus will, weil ihn dann das Leben neu fordern würde.
Deshalb macht es durchaus Sinn, dass Jesus fragt:
Willst du gesund werden?
Für diesen Mann hieße das: Nach 38 Jahren nicht mehr von Almosen zu leben, sondern nun selbst arbeiten zu gehen.
Nicht wahr, wir wissen das: Nichts ist schwerer zu ändern als jahrelange oder gar jahrzehntelange Gewohnheit.
Aber dieser Mann will.
Und Jesus macht ihn wirklich gesund.
Aber: Jesus verwöhnt ihn nicht. „Steh auf, rolle deine Matte zusammen und geh!“
Nicht: Komm her, ich trag dir deine Matte!
Zum neu gewonnenen Leben gehört auch die Eigenverantwortung.
Ich sehe darin aber noch mehr.
Die Matte ist ein Teil seiner Lebensgeschichte. 38 Jahre hat sie ihn begleitet.
Was nicht geht ist: Gesund werden und die Matte einfach liegenlassen.
Die Matte verstehe ich als ein Symbol. Man muss sie aufnehmen und tragen.
Die eigene Lebensgeschichte, das, was mich geprägt und geformt hat, kann ich nicht mal eben abschütteln.
Es hilft auch nichts, es zu verdrängen oder zu verleugnen. Getragen muss sie werden, die Matte.
Eingebaut werden muss die eigene Geschichte ins Leben. Auch die Schuld. Denn auch schuld sind nie nur die anderen.
Nun ist mir an der Geschichte aber noch etwas anderes wichtig.
Es ist nicht irgendeiner, der diesen Mann hier wahrnimmt und anschaut, es ist Jesus.
Mögen wir einander auch alle ganz vorbildlich immer sehen und wahrnehmen: Der Blick Jesu ist anders und ist besonders.
Ihm geht es nicht nur um Heilung, sondern um das Heil.
Bitte bedenken Sie: Da lagen auch viele andere Kranke am Wasser in Betesda. Sie sahen zu, wie Jesus diesen einen heilte.
Sie aber heilte er nicht. Sie blieben krank.
Es ist wichtig, dass wir es gut verstehen.
Jesus hat mit seinem Kommen nicht einfach allem Leid und aller Krankheit ein Ende gesetzt.
Das wird erst am Ende aller Zeiten so sein, so verheißt es die Bibel.
Da wird kein Tod und kein Leid und kein Schmerz mehr sein.
In seinem irdischen Leben hat Jesus immer wieder ein Zeichen gesetzt dafür, dass das stimmt und das das keine billige Hoffnung ist.
So hat er hier einen Blinden geheilt und dort einen Lahmen und da einen Stummen.
Als Zeichen. Und solche Zeichen geschehen durchaus auch heute.
Nur das wir sie oft nicht als solche Zeichen sehen, sondern meinen, die schlauen Menschen in den weißen Kitteln hätten das vollbracht.
Es kann aber auch sein, wir sind krank und bleiben krank.
Es kann sein, wir sind dazu herausgefordert, auch in Krankheitstagen Gott dadurch zu ehren, wie wir das annehmen und erdulden, was uns auferlegt ist. Ich sagte es schon vorhin:
Reich sind wir ja nie nur durch das, was wir haben, sondern auch durch das, was wir mit Würde entbehren.
Lothar Zenetti, der im März 2019 mit 93 Jahren verstorben ist und bekannt wurde durch seine Gedichte und Predigten hat einmal geschrieben:
Ich traf einen jungen Mann,
kerngesund, modisch gekleidet, Sportwagen,
und fragte beiläufig, wie er sich fühle:
Was ’ne Frage, sagte er, Beschissen!
Ich fragte, ein wenig verlegen,
eine schwerbehinderte ältere Frau
in ihrem Rollstuhl, wie es ihr gehe:
Gut, sagte sie, es geht mir gut.
Da sieht man wieder,
dachte ich bei mir,
immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid. (Begegnungen von Lothar Zenetti)
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